Man klettert hier nicht gegen die Wand. Man bittet sie um Erlaubnis.
Wer den Elbsandstein das erste Mal betritt, betritt keine gewöhnliche Gebirgslandschaft. Er betritt eine Kathedrale aus Jahrmillionen altem Sediment, ein Labyrinth aus Sandsteintürmen, tiefen Gründen und lichtdurchfluteten Riffen, in denen der Harzgeruch der Kiefern mit der feuchten Kühle schattiger Klammen verschmilzt. Aber vor allem betritt man eine Welt mit einem ganz eigenen, unerbittlichen Moralkodex – das Epizentrum einer der ältesten und stolzesten Kletterkulturen der Erde.
Wo andernorts Bohrhaken im Abstand von zwei Metern glänzen und das Sichern mit mechanischen Klemmgeräten zur Selbstverständlichkeit geworden ist, gilt in Sachsen seit dem späten 19. Jahrhundert ein imperatives Non-Plus-Ultra: Der Fels bleibt unversehrt.
1. Das Erbe von 1864: Ein Pakt mit der Natur
Die Wiege des freien Felskletterns steht nicht in den Granitwänden von Yosemite oder im Kalk der Verdon-Schlucht. Sie steht an den Schrammsteinen und am Falkenstein. Als im Jahr 1864 Turner aus Bad Schandau erstmals den Falkenstein über den Turnerweg erstiegen – ohne künstliche Hilfsmittel, rein aus der Kraft ihrer Hände und Füße –, begründeten sie eine Bewegung, die den Alpinismus für immer verändern sollte.
Daraus erwuchs ein Regelwerk, das 1913 von Rudolf Fehrmann erstmals niedergeschrieben wurde und bis heute in seiner Grundsubstanz eisern gilt:
- Keine Metallklemmgeräte: Friends und Cams sind verpönt und verboten. Sie würden den weichen Sandstein bei Belastung sprengen. Gesichert wird ausschließlich an naturbelassenen Sandsteinösen oder selbstgelegten Knotenschlingen (aus Band- oder Repschnur).
- Kein Magnesia: Die weiße Magnesia-Puderwelt der modernen Kletterhallen ist strengstens untersagt. Das Puder verbindet sich mit der Luftfeuchtigkeit, verstopft die Poren des Felses und bildet eine glasige Reibungsfläche, die den Sandstein dauerhaft zerstört.
- Bohrhaken nur im Notfall: Haken werden spärlich gesetzt, ausschließlich im Vorstieg von unten nach oben – und nur dort, wo absolut keine natürlichen Sicherungsmöglichkeiten existieren. Sie sind keine Komfortzonen, sondern seelische Anker im weiten Raum.
- Das Nass-Verbot: Nach Regen ist der Fels tabu. Feuchter Sandstein verliert seine Bindung und bricht ab wie trockenes Gebäck. Wer bei Nässe klettert, begeht Frevel.
2. Die Psychologie des Knotens: Ein Tanz auf der Reibung
Wer in der Kletterhalle aufgewachsen ist und seine ersten Gehversuche im sächsischen Sandstein wagt, durchläuft eine existenzielle Demutsschule.
Ein sächsischer VIer (nach der sächsischen Skala, die bis heute ihr eigenes, historisch gewachsenes System pflegt) verlangt oft mehr mentale Stärke als eine Hallen-7a. Der Grund ist die einzigartige Sicherungstechnik.
Das Legen einer Sanduhrschlinge oder das Platzieren eines Kinderkopf-Knotens in einer Auswaschung ist eine Kunst für sich. Man schiebt einen mit Stoff umwickelten Knoten in einen Riss, zieht ihn leicht fest und hofft, dass die Reibung des Textils am Sandstein im Falle eines Sturzes hält. Ein Sturz in eine Schlinge ist keine mathematische Gewissheit wie bei einem Bolzen – er ist ein Akt des tiefen Vertrauens in das eigene Handwerk.
Dazu kommt die Klettertechnik. Sandstein fordert das Klettern auf Reibung, das präzise Eintreten von Strukturierungen sowie fortgeschrittene Kamin- und Rißtechniken. Wo keine Griffe sind, schiebt man den gesamten Körper in dunkle Spalten, klemmt Schultern, Knie und Fersen. Es ist ein brutaler, eleganter und ungemein physischer Kletterstil.
3. Die Kultur des Sandsteins: Gipfelbücher und Boofen
Das Klettern in der Sächsischen Schweiz ist mehr als Sport – es ist eine Lebensform mit tiefen Wurzeln.
Die Gipfelsammlerei und das Gipfelbuch
In Sachsen gilt eine Route erst dann als vollendet, wenn man oben auf dem freistehenden Felskerzen-Gipfel steht. Auf jedem der über 1.100 zugelassenen Klettergipfel befindet sich eine wetterfeste Metalldose mit dem Gipfelbuch. Das Eintragen des eigenen Namens, des Datums und der gekletterten Route ist ein feierliches Ritual. Es verbindet den heutigen Kletterer mit den Pionieren, die sich vor über hundert Jahren in dieselben vergilbten Seiten eingetragen haben.
Das Boofen
Das Boofen – das Übernachten im Freien unter abgewinkelten Felsdächern (den sogenannten Boofen) – ist tief in der sächsischen Seele verankert. Nach einem langen Tag an den Riffen sitzt man zusammen, teilt einfaches Essen, zieht an der Pfeife oder genießt schweigend den Blick über das Nebelmeer der Elbschleifen. Es ist eine Kultur der Gemeinschaft, die auf Respekt vor der Natur beruht.
4. Fazit: Eine Schule für das Leben
Klettern in der Sächsischen Schweiz verändert den Blick auf den Sport. Es befreit vom reinen Grad-Fetischismus der Moderne und führt zurück zum Kern der Bewegung: der Auseinandersetzung mit der eigenen Angst, dem Respekt vor dem Monument Fels und der zeitlosen Schönheit einer ästhetischen Linie.
Wer gelernt hat, an einer verblassten Band-Schlinge zehn Meter über dem letzten Ring ruhig zu atmen und den nächsten Tritt auf bloße Reibung zu belasten, der nimmt ein Stück dieser sächsischen Gelassenheit überallhin mit – an jeden Fels dieser Erde.
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