Er war das Wunderkind des Klettersports, das Genie in den Turnhallen und schlussendlich einer der kühnsten, elegantesten Alpinisten seiner Generation. David Lama bewegte sich an den Wänden dieser Welt mit einer Schwerelosigkeit, die Beobachtern den Atem raubte. Wo andere mit roher Gewalt und Schweiß kämpften, schwebte er.
Doch Lamas Vermächtnis ist weit mehr als eine Sammlung von Pokalen und schwierigen Graden. Es ist die Geschichte einer atemberaubenden Transformation: vom gepushten Wettkampf-Affen in den bunten Plastikhallen zum tiefgründigen, Freikletter-Pionier an den gefährlichsten Granit- und Eisnadeln unseres Planeten.
Die Geschichte: Vom Tiroler Wunderkind zum Visionär
David Lama wurde am 4. August 1990 in Innsbruck geboren – als Sohn einer Tiroler Mutter und eines nepalischen Sherpa-Bergführers aus der Mount-Everest-Region. Die Gene schienen vorgezeichnet, doch was folgte, war beispiellos.
Bereits im Alter von fünf Jahren wurde er bei einem Klettercamp von Bergsteiger-Legende Peter Habeler entdeckt. Habelers Urteil war kurz und eindeutig: „Der Bua hat Talent wie kein anderer.“
Die Hallen-Ära: Das unbesiegbare Wunderkind
Was folgte, war eine beispiellose Dominanz im Wettkampfklettern. Lama gewann als Teenager alles, was es zu gewinnen gab:
- Mehrmaliger Jugendweltmeister
- Europameister im Lead (Schwierigkeitsklettern) und Bouldern
- Weltcup-Siege am laufenden Band
Er war die Präzisionsmaschine des modernen Klettersports. Doch während die Welt erwartete, dass er bei Olympischen Spielen Gold abräumen würde, verspürte Lama eine wachsende Leere. Das ständige Klettern nach Reglement, auf Zeit und nach vorgegebenen Griffen fühlte sich für ihn irgendwann nicht mehr wie Freiheit an. Er kehrte der Hallenwelt auf dem Höhepunkt seines Erfolgs den Rücken zu – und wandte sich dem Abenteuer Fels zu.
Der Wandel: Das wilde Herz des Alpinismus
Der Umstieg vom klimatisierten Wettkampfzirkus in die unberechenbare Realität der Berge war kein Spaziergang. Lama musste bitteres Lehrgeld zahlen. Bei seinen ersten Schritten im Hochgebirge fehlte ihm die Erfahrung in der Absicherung, beim Standplatzbau und im Einschätzen von Wettergefahren.
Doch Lama war nicht nur extrem stark, sondern auch extrem lernfähig. Er verschmolz sein astronomisches Hallen-Kletterniveau mit dem Handwerk des klassischen Alpinismus. Er nutzte den Fels nicht als Sportgerät, sondern als Leinwand für seine eigenen, scheinbar unmöglichen Linien.
Am 16. April 2019 verunglückte David Lama zusammen mit seinen Kletterpartnern Hansjörg Auer und Jess Roskelley bei einem Lawinenabgang am Howse Peak in den kanadischen Rocky Mountains. Er wurde nur 28 Jahre alt. Trotz seines kurzen Lebens hinterließ er Spuren, die für die Ewigkeit im Fels eingebrannt sind.
Die bedeutendsten Routen und Meisterwerke
David Lamas alpinistische Visitenkarte ist geprägt von Linien, die zuvor als unkletterbar galten oder durch künstliche Hilfsmittel entwertet worden waren.
1. Die freie Begehung der Kompressor-Route am Cerro Torre (2012)
- Ort: Patagonien (Argentinien/Chile)
- Meilenstein: Erste freie Begehung (Freeroute) einer der berüchtigtsten Wände der Welt
Der Cerro Torre galt lange als Ungeheuer aus Eis und Granit. Cesare Maestri hatte 1970 hunderte Bohrhaken mit einem kompressorbetriebenen Bohrer in die Wand getrieben – eine Sünde in den Augen wahrer Alpinisten.
David Lama fasste den kühnen Plan, diese Route frei zu klettern (nur mit Nutzung natürlicher Griffe/Tritte, Seil nur zur Sicherung). Nach ersten gescheiterten Versuchen und medialem Rückenwind wegen anfänglich falsch gesetzter Fixseile kehrte er 2012 zurück – gereift, fokussiert und ohne Kompromisse. Gemeinsam mit Peter Ortner gelang ihm das alpinistische Meisterwerk des Jahrzehnts. Er kletterte die überhängenden Granit-Platten im reinsten Stil frei (7b+ / UIAA IX-) und bewies, dass die Wand ohne Bohrhaken bewältigt werden konnte.
2. Erstbegehung: Avataara im Pitztal (2012)
- Schwierigkeit: 9a (UIAA XI)
- Charakter: Extrem steile, dachartige Kletterei an einer Höhle
Um seine klettertechnischen Grenzen im Fels auszuloten, erstbeging Lama an der Laserzwand und im Pitztal Testpieces auf höchstem Niveau. Avataara zeigte, dass er auch am Fels problemlos im oberen Extrembereich kletterte und athletische Perfektion an Naturfelsen übertragen konnte.
3. Erstbegehung: Lunag Ri (6.895 m) – Solo (2018)
- Ort: Himalaya (Grenze Nepal/Tibet)
- Meilenstein: Erstbesteigung des extrem unzugänglichen Technischen Gipfels über den Südostgrat
Der unbestiegene Lunag Ri war Lamas Schicksalsberg. Nach zwei gescheiterten Versuchen (einmal erlitt sein Partner Conrad Anker an der Wand einen Herzinfarkt) kehrte Lama 2018 alleine zurück.
Bei eisigen Temperaturen, im alpinen Stil (ohne Hochträger, ohne fest verlegte Seile) kletterte er im Alleingang über messerscharfe Eisgrate und kombinierte Felswandabschnitte auf den Gipfel. Es war eine Sternstunde des modernen Alpinismus – eine Demonstration von absoluter mentaler Stärke und meisterhafter Seiltechnik.
4. Spindrift an der Laserzwand (2010)
- Schwierigkeit: M9 / 7a
- Charakter: Anspruchsvollste Mixed-Kletterei in den Lienzer Dolomiten
Lama bewies früh, dass er nicht nur Sommergranit beherrschte. Mit der Erstbegehung von Spindrift schenkte er seinen Heimatbergen eine alpine Mixed-Route (Fels und Eis), die bis heute als extrem ernsthaft und psychisch fordernd gilt.
Fazit: Das Vermächtnis eines Unangepassten
David Lama war kein Held der lauten Töne. Er war ein Ästhet, ein Suchender. Er zeigte der Welt, dass der Übergang von der Kletterhalle in die Wand kein Abstieg an Niveau sein muss, sondern der Schlüssel zu einer völlig neuen Dimension von Kunst und Freiheit.
Er hat dem Alpinismus seine Leichtigkeit zurückgegeben. Wenn man heute Bilder von ihm am Cerro Torre sieht – wie er auf einem winzigen Tritt über 1.000 Metern Abgrund steht und lächelt –, versteht man, warum sein Geist in den Bergen weiterlebt:
„Es geht mir nicht darum, das Unmögliche zu tun, sondern das Mögliche so weit wie möglich zu verschieben.“
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