Vom Hallen- zum Felskletterer: Die ersten Schritte am Fels

Herzlichen Glückwunsch! Du hast die Phase überstanden, in der du dachtest, Klettern bestehe nur daraus, neonfarbenen Plastikgriffen hinterherzujagen, die nach dem Schweiß von 500 anderen Menschen riechen. Du hast die Fünf-Punkte-Sicherungstechnik im Schlaf drauf, deine Kletterschuhe riechen bereits wie ein vergessenes Bio-Experiment im Schullandheim, und du kannst das Wort „Toprope“ fehlerfrei aussprechen.

Kurz: Du bist bereit für das echte Abenteuer. Es geht raus an den Fels!

Aber Halt. Bevor du dir den Helm falsch herum aufsetzt und die erstbeste Kalksteinwand hochstürmst, lass uns drüber reden, wie dieser Umstieg gelingt – ohne dass du schreiend an einem Busch hängst oder von einer bergmäßigen Realitätsschelle getroffen wirst.

1. Der Kulturschock: Warum Plastik lügt

In der Halle ist die Welt noch in Ordnung. Ein roter Griff bedeutet: Hier festhalten! Ein blauer Tritt heißt: Fuß drauf!

Draußen am Fels gibt es keine Farbcodierung. Mutter Natur hat leider vergessen, den Routensetzer zu beauftragen. Was du draußen vorfindest, ist eine bunte Mischung aus grauer Wand, noch mehr grauer Wand und gelegentlich einem Fleck Flechte.

Was dich am Fels erwartet (und in der Halle verschwiegen wurde):

  • Keine bunten Marker: Du musst deine Griffe selbst suchen. Und Überraschung: Das, was von unten aussieht wie ein Bombenhenkel, erweist sich aus der Nähe oft als staubige Minileiste.
  • Füße auf Reibung: In der Halle schraubt man Tritte hin. Am Fels stehst du oft auf Dingen, die eher nach „Hoffnung“ als nach „Sicherheit“ aussehen. Vertrau deinen Schuhen – sie können meist mehr als dein Kopf denkt!
  • Wetter und Natur: Wind bläst dir ins Gesicht, die Sonne kocht dein Gehirn – oder der Stein ist einfach klamm. Ach ja, und kleine Krabbeltiere finden deine Fingerhöhlen als Nistplatz extrem attraktiv.

2. Die Ausrüstung: Mehr als nur bunte Bändchen

Deine Hallenausrüstung ist super, reicht aber draußen genau bis zum Wandfuß. Wer am Fels klettern will, braucht ein paar neue Spielzeuge (und muss wissen, was man damit macht).

AusrüstungsstückWofür du es brauchstHallen-Equivalent
Der HelmSchützt deinen Kopf vor herabfallenden Steinen (und dein Ego vor harten Wandberührungen).Existiert in der Halle praktisch nicht. Draußen Pflicht!
Expresssets (Exen)Um das Seil an den fest im Fels verankerten Bohrhaken zu sichern.Hängen in der Halle schon fertig an der Wand.
Abbau-Set (Rundschlinge & Schraubkarabiner)Damit du am Ende der Route wieder runterkommst, ohne dein Material zurückzulassen.Nicht nötig – in der Halle gibt’s Umlenker.
Ein längeres Seil (mind. 60–70m)Felsen sind meist deutlich höher als Hallenwände.Dein 30m-Hallenseil reicht draußen oft gerade mal für die Hälfte.

Wichtiger Mutanten-Tipp: Ein Kletterhelm ist kein Mode-Accessoire, sieht aber überraschend cool aus, wenn man bedenkt, dass er dir das Leben rettet. Setz ihn auf. Immer. Auch am Wandfuß, wenn du nur sicherst!

3. Die Technik: Vom Umfädeln und „Fädeln-Lassen“

Das Klettern an sich ist relativ ähnlich (Hände zu, Füße drauf, nicht fallen). Aber die Seiltechnik draußen erfordert volle Aufmerksamkeit.

In der Halle kletterst du hoch, klippst den Umlenker und wirst abgelassen. Draußen musst du oben am Standplatz meist umfädeln. Das bedeutet: Du baust deine Sicherung oben kurz so um, dass das Seil direkt durch den festen Umlenkring läuft, damit du abgelassen werden kannst – ohne die Expresssets dort zu vergessen.

Die drei goldenen Regeln des Umfädelns:

  1. Redundanz ist dein bester Freund: Du bist am Standplatz immer mindestens doppelt gesichert (z. B. mit einer Selbstsicherungsschlinge UND dem Seil), bevor du den Anseilknoten löst.
  2. Kein Multitasking: Am Standplatz wird nicht über das Abendessen geredet. Volle Konzentration! Ein Fehler hier ist ungemütlich.
  3. Üben, üben, trockenüben: Mache das Umfädeln erst zehnmal am Teppichboden im Wohnzimmer oder an der Sprossenwand in der Halle, bevor du es in 20 Metern Höhe bei Windstärke 5 versuchst.

4. Grad-Inflatation: Willkommen in der Realität!

Du kletterst in der Halle entspannt eine 6b (oder nach UIAA eine VII)? Herzlichen Glückwunsch!

Draußen ziehst du am besten erst mal zwei bis drei Grade ab. Wenn du an deinem ersten Felstag in eine 6b einsteigst, wirst du mit hoher Wahrscheinlichkeit weinend im ersten Haken hängen und den Erfinder des Kalksteins verfluchen.

Felsbewertungen haben Geschichte. Manche Routen wurden 1970 von bayerischen Traditions-Kletterern erstbegeht, die barfuß und mit einem Hanfseil um die Hüfte geklettert sind. Eine damalige V (5) fühlt sich heute oft an wie eine moderne 6b.

Starte entspannt: Such dir für den ersten Tag Routen im 4. oder unteren 5. Grad (UIAA). So hast du Spaß, lernst den Fels kennen und kommst nicht völlig frustriert nach Hause.

5. Kletter-Etikette: Sei kein Fels-Tölpel

Der Fels gehört dir nicht allein. Neben anderen Kletterern wohnen dort Vögel, Pflanzen und seltene Käfer. Damit wir alle auch morgen noch draußen klettern dürfen, gibt es ein paar einfache Grundregeln:

  • Müll mitnehmen: Und zwar alles. Auch den Bananenschalen-Rest und das kleine Tape-Schnipselchen.
  • Lautstärke drosseln: Brülle nicht die ganze Wand zusammen („ZIEEEEEH!!“), es sei denn, es ist ein echter Notfall. Andere genießen die Natur (oder versuchen sich zu konzentrieren).
  • Sperrungen beachten: Wenn eine Route wegen brütender Falken gesperrt ist, bleibt sie zu. Punkt.
  • Magnesia sparsam nutzen: Verwandle den Fels nicht in eine Mehlfabrik. Putz deine Tic-Marks (Kreidemarkierungen) am Ende des Tages wieder weg.

Fazit: Geh raus und genieß es!

Der Umstieg von der Halle an den Fels ist wie der Wechsel von einem Hometrainer auf ein echtes Mountainbike. Es ist rauer, es ist unberechenbarer, aber es macht verdammt noch mal tausendmal mehr Spaß!

Das Gefühl, nach einer tollen Route oben auf dem Ausstieg zu stehen, den Wind zu spüren und über die Landschaft zu schauen, kann dir keine Plastikhalle der Welt bieten.

Also: Schnapp dir einen erfahrenen Kletterkumpel oder buch einen Outdoor-Einsteigerkurs, zum Beispiel beim Deutschen Alpenverein Link: https://www.alpenverein.de pack den Helm ein und mach deine ersten eigenen Schritte am Fels. Gut Festhalten!

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